Anakastische Persönlichkeitsstörung
Der Begriff „anankastisch“ stammt vom griechischen Wort „ananke“, das so viel wie Zwang oder Notwendigkeit bedeutet, und beschreibt in der Psychologie ein übermäßig kontrolliertes, zwanghaft geprägtes Denken und Verhalten. Als Anankasmus wird das zugrunde liegende Muster solcher zwanghaften Denk- und Verhaltensweisen bezeichnet. Zeigen sich ausgeprägte anankastische Züge über einen längeren Zeitraum als fester Bestandteil der Persönlichkeit, spricht man von der anankastischen Persönlichkeitsstörung, die in ICD-10 und ICD-11 auch als zwanghafte Persönlichkeitsstörung geführt wird.
Kennzeichnend sind etwa ein ausgeprägter Perfektionismus, eine starke Vorliebe für Ordnung und feste Regeln sowie ein hohes Kontrollbedürfnis, das sich bis ins kleinste Detail einer Aufgabe erstreckt. Viele Betroffene tun sich schwer damit, Arbeit überhaupt abzuschließen, weil ständig neue Fehler korrigiert werden müssen, und eine übertriebene Gewissenhaftigkeit gegenüber der Arbeit rückt zwischenmenschliche Beziehungen und Erholung häufig in den Hintergrund. Die Störung entwickelt sich meist im frühen Erwachsenenalter und zeigt sich als starre, wenig flexible Grundhaltung gegenüber Regeln und Abläufen.
Wichtig für die Einordnung ist die Abgrenzung zur Zwangsstörung. Anankastische Persönlichkeitszüge werden von Betroffenen meist als ich-synton erlebt, also als Teil der eigenen Identität, ohne dass sie zwangsläufig als belastend empfunden werden. Bei einer Zwangsstörung hingegen erleben Betroffene ihre wiederkehrenden Gedanken und Handlungen als aufdringlich und quälend (ich-dyston). Auch von gesundem Perfektionismus unterscheidet sich die anankastische Persönlichkeitsstörung deutlich: Während Perfektionismus Leistung fördern kann, führt die zwanghafte Ausprägung durch die Fixierung auf jedes kleinste Detail häufig zu Ineffizienz und Reibung in sozialen Beziehungen.
Die diagnostische Einordnung erfolgt anhand ausführlicher psychologischer Gespräche nach ICD-10, ICD-11 oder dem früheren DSM-IV, da es keinen körperlichen Test für die Störung gibt. Der Psychologe Rainer Sachse hat mit seinen Arbeiten zu klinisch-psychologischen Modellen von Persönlichkeitsstörungen wesentlich zum heutigen Verständnis beigetragen. In der Behandlung hat sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie im Rahmen einer psychologischen Psychotherapie bewährt, um starre Denkmuster zu erkennen und mehr Flexibilität im Alltag zu entwickeln. In den Vincera Privatkliniken begleiten wir Betroffene einfühlsam dabei, den eigenen hohen Ansprüchen mit mehr Gelassenheit zu begegnen und wieder Raum für zwischenmenschliche Nähe zu schaffen.